27. März – 15. April 2007 MARTa Herford
Ansicht im Atelier
Wofür steht EcoFin? Die Künstlerinnen Inge König-Gausepohl und Dini Thomsen wussten es jedenfalls nicht, als sie zufällig Zaungäste eines Radrennens im niederländischen Grenzgebiet wurden. Immerhin war der Schriftzug in deutlich sichtbarer Weise an den Trikots angebracht. Der Name könnte für eine Raffinerie stehen, für eine Wirtschaftsförderungs-Institution oder ein sonstiges Unternehmen. Tatsächlich handelt es sich um die Bezeichnung für den Rat der Europäischen Union, und zwar genau genommen um den Rat „Wirtschaft und Finanzen“. Diese Runde aus Wirtschafts- und Finanzministern befasst sich unter anderem mit der Koordinierung der Wirtschaftspolitik und mit der Überwachung der öffentlichen Finanzen, um nur zwei der wichtigsten Aufgaben zu nennen.
Warum aber ist eine derart wichtige Institution so wenig bekannt, während sie doch einen großen Einfluss auf alle Europäer hat?
Diese Ausgangsfrage führte die Künstlerinnen direkt zu der Projektfragestellung, wie man etwas, das uns alle angeht, das aber so wenig transparent ist, für alle transparent machen kann.
Bei der Kunstaktion Beichtstuhl geht es also weniger um ein katholisches Projekt oder das neueste Designobjekt für eine rekonfessionalisierte Gesellschaft, sondern darum, den aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen nachzuspüren. Der Titel bezieht sich auf ein ebenso konkretes wie auch aktuelles politisches Verfahren, in dem die Vertreter zweier sich gegenseitig blockierenden Parteien in ein Vermittlungsgespräch gebracht werden. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Kontrahenten von der jeweiligen Konferenz suspendiert werden, damit sie sich im direkten Gespräch über mögliche Annäherungen austauschen können.
Um die Kommunikation der nächsten EcoFin-Konferenz in Berlin transparent zu machen, werden die Beratungen des Beichtstuhlverfahrens mit Fernsehkameras aufgezeichnet und anschließend ausgestrahlt. Da die EcoFin-Konferenz nicht öffentlich ist, wird die Öffentlichkeit per digitaler Film-Projektion zugegen sein. Im Vorfeld der Konferenz werden dafür im Museum MARTa Herford im Beichtstuhl Befragungen von europäischen Bürgern stattfinden, die auch aufgezeichnet und neben der Projektion in Berlin anschließend mit ausgestrahlt werden.
Bei diesen Befragungen interessiert vor allem, ob das abstrakte Gebilde Europa/EU in den Köpfen der Europäer angekommen ist.
Man darf gespannt sein wie über Europa gedacht, gesprochen und regiert wird.
Würfel, 250 x250 x 250 cm, in zwei Sektionen geteilt mit mittigem Schlitz von
12,5 cm Breite und 250 cm Höhe; seitliche Schlitze ermöglichen den Einblick und das Lauschen; 2 seitliche Eingänge, Farbe: Europablau und per Beamer aufprojizierte Europasterne; Beamer projizieren die Filmaufnahmen auf eine Wand, begleitende und anschließende Fernsehberichterstattung in ZDF und ARD/WDR
- 27. März – 15. April Präsentation und Bürgerbefragungen im MARTa Herford
- 17. April – 21. April Platzierung bei der EcoFin-Konferenz, Abgeordnetenhaus, Berlin, Eröffnung am 17. April, EcoFin am 20./21. April
- 22. April – 29. Juni Präsentation im Bundesfinanzministerium
- (nicht zugänglich während des G8 Gipfels im Mai)
Dini Thomsen und Inge König-Gausepohl haben seit 1999 mehrere Kunst- und Kommunikationsprojekte gemeinsam verwirklicht. Besonderes Merkmal ist dabei die Verwendung von lesbaren Zeichen oder Symbolen, insbesondere von Schrift, die ein fester Bestandteil der Objekte ist.
Der Beichtstuhl selbst besitzt symbolischen Wert, da er in unserem Kulturkreis ein bekanntes und leicht verständliches Möbelstück ist und keiner Gebrauchsanweisung bedarf.