Die kursiv gesetzten Passagen des Rilke-Gedichtes „Der Ball“ sind seit dem 6. November 2004 – in 95 Zentimeter großen Versalien aus elektropoliertem Edelstahl, sogenanntem Tränenblech, herausgeschnitten und eingelegt auf dem erhöhten Mittelstreifen der Goebenstraße – auf 153 Metern Länge vor dem MARTa Herford zu lesen; den Satzanfang findet man vor dem Eingang des Museumskomplexes. Der Gedichttext führt in einer beidseitig lesbaren umlaufenden Schlaufe bis zu dem bahnhofsnahen Kreisverkehr auf dem Schillerplatz. In der Mitte des Schillerplatzes ruht eine ebenfalls hochpolierte, silbrig glänzende Edelstahlkugel von 3,5 Metern Durchmesser und spiegelt in sich die Stadt Herford. Die Zeilen des Gedichts umrunden die Kugel wie ein Schal und führen auf dem Boden zum Museum zurück.
Der international renommierte italienische Bildhauer und documentaIX-Teilnehmer Luciano Fabro hat das Gedicht ausgewählt, um das MARTa Herford auf poetische Weise an das Stadtgeschehen anzubinden. Wie eine Endlosschleife, ein Loop, wirkt die Arbeit, wobei der Künstler die Bestimmung des kugelförmigen Objektes – als transzendenten Kosmos, mitten in der Dynamik des Wendepunktes, oder als Metapher für das Ballspiel und damit für selbstvergessene, glückliche Momente – bewusst offen hält.
Rainer Maria Rilke
"Der Ball" (1908)
Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgibt, sorglos wie
sein Eigenes;
was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
-
zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug
-
noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freilässt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
die ordnend wie zu einer Tanzfigur
-
um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.